Juni 2017

Zinswende – noch immer nicht!

Warnungen vor einer Zinswende oder einer Immobilienblase in einigen Medien sollten kritisch gelesen werden

Im letzten Marktradar 05/2017 hatten wir darauf hingewiesen, dass ein Teil der Journalisten immer unter dem Druck steht, etwas Neues berichten zu müssen. Dies führt bisweilen dazu, dass der Neuigkeitsgehalt nebensächlicher Äußerungen übertrieben wird und damit letztlich der Wahrheitsgehalt verloren geht. So betitelt beispielsweise die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) einen Beitrag vom 16.05.2017 mit „Wandel in der Geldpolitik - Die Wende steht bevor“. Bereits im ersten Absatz wird allerdings der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, mit den Worten zitiert: „The time hasn’t come yet.“ Der Bezug zum Titel ergibt sich allein daraus, dass am nächsten Zinstermin im Juni möglicherweise die Einschätzungen für die Wachstumsrisiken in der Eurozone geändert werden.

Nach unserem Eindruck spielt derzeit bei den Marktteilnehmern die Debatte um mögliche Zinsänderungen keine Rolle. Größere Sorgen bereitet stattdessen die Diskussion um einen möglichen Preis- und Markteinbruch, insbesondere in Berlin. Auch bei diesem Thema neigen einige Medien dazu, Meldungen aufzubauschen und zu übertreiben, wie folgendes Beispiel aus dem Spiegel zeigt: „Bundesbank warnt vor Immobilienblase in Deutschland“. Im Original des Redemanuskripts äußert der Bundesbankdirektor Andreas Dumbret hingegen: „Ich kann Sie beruhigen: Von einer Blase kann man in Deutschland zum aktuellen Zeitpunkt nicht sprechen.“

Finanzbarometer

Zinsentwicklung

Die langfristigen Zinsen sind im Mai im Wesentlich konstant geblieben. Der Zehn-Jahres-Zinsswap schwankte zwischen 0,78 Prozent und 0,85 Prozent, stieg am Monatsende dann auf 0,80 Prozent. Der Sechs-Monats-Euribor sank geringfügig auf -0,251 Prozent. Auch beim Drei-Monats-Euribor ergaben sich im Monatsverlauf mit Werten zwischen -0,329 und -0,331 erneut keine nennenswerten Veränderungen.

Ausblick

Zeiten ohne wesentliche neue Nachrichten kommen immer wieder. Wenn es in den Medien derzeit um die Themen Zinswende oder Immobilienblase geht, bedarf es eines sehr sorgfältigen Lesens, um trotz der zuweilen überspitzt formulierten Titel dem tatsächlichen Inhalt eines Artikels auf den Grund zu gehen. Als Herausgeber des Marktradars können wir uns – im Gegensatz zu Journalisten – den Luxus mehrfacher Wiederholungen erlauben. So auch diesmal: Es sieht derzeit nicht danach aus, dass eine Erhöhung der Leitzinsen unmittelbar bevorsteht. Ebenso existiert kein Nachweis für eine Immobilienblase.

Artikel zu diesen beiden Themen sollten mit kritischer Aufmerksamkeit gelesen werden. Bei angeblichen Warnungen der Bundesbank, der EZB oder ähnlichen Institutionen empfiehlt sich die Lektüre des Originaltextes. Natürlich ist zukünftig mit Zinserhöhungen zu rechnen. Nur ist der Zeitpunkt derzeit nicht absehbar. Weitere Zinssenkungen wird es eher nicht mehr geben. Insofern empfehlen wir weiterhin eine Festschreibung langfristiger Verbindlichkeiten. Für das Thema Immobilienblase gilt nach wie vor, dass es zwar Hinweise auf Preisüberhöhungen gibt, aber keinen irgendwie gearteten Nachweis, dass dies bereits eine Immobilienblase darstelle. Wir gestatten uns daher hierzu allein den trivialen Hinweis, dass mit jeder weiteren Preiserhöhung auch das Risiko für einen Preisrückgang steigt. Risikomanagement und Risikovorsorge gewinnen daher immer mehr an Bedeutung.

 

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