Juli 2016

Die Welt nach dem Brexit

Auch für die Immobilienwirtschaft war im Juni der drohende Brexit das bestimmende Thema. Der schlussendlich doch überraschende Ausgang des Referendums bringt aber nicht mehr Sicherheit, sondern zunächst eine Übergangsphase mit ungewissem Ausgang. Die Reaktion der Börsenmärkte war unseres Erachtens nach eher wenig spektakulär. Dies zeigt, dass die Marktteilnehmer zumindest derzeit noch nicht mit gravierenden wirtschaftlichen Auswirkungen des Austritts rechnen. Zudem beginnt jetzt erst einmal eine zwei Jahre andauernde Verhandlungsphase, an deren Ende sicherlich eine privilegierte Beziehung zwischen Großbritannien und der Europäischen Union stehen wird – im beiderseitigen Interesse.

Nicht erst seit dem 24.06. wird spekuliert, welche Auswirkungen der Brexit auf die Immobilien- und Kapitalmärkte haben wird. Zunächst stellt der Brexit eine einschneidende Veränderung der internationalen wirtschaftlichen und politischen Verbindungen dar, welche die Risiken in unserem Wirtschaftssystem erhöhen. Nach grundlegendem theoretischem Verständnis müsste mehr Risiko auch höhere Zinsen bedeuten. Wir halten im derzeitigen Umfeld dennoch steigende Zinsen für sehr unwahrscheinlich. Zum einen werden nicht nur die Bank of England und die Europäische Zentralbank die Kapitalmärkte ausreichend mit Liquidität versorgen. Zum anderen ist damit zu rechnen, dass die Nachfrage nach deutschen Bundesanleihen als sicherer Hafen bis auf weiteres zunehmen wird, womit deren Rendite tendenziell noch weiter sinken wird. Die Verzinsung dieser Anleihen ist aber nach wie vor der Referenzzinssatz für langfristige Kreditkonditionen.

Weit spannender ist die Frage, welche Auswirkungen der Brexit auf die deutschen Immobilienmärkte, insbesondere Frankfurt, haben wird. Sicherlich werden einige Banken, Behörden und andere Organisationen ihren Sitz von London nach Frankfurt oder Paris verlegen oder zumindest eine weitere Niederlassung in Kontinentaleuropa eröffnen, allen voran die Europäische Bankenaufsichtsbehörde (EBA). Allerdings ist auch damit zu rechnen, dass die britische Bankenlandschaft die neu gewonnene Freiheit dazu nutzen wird, eine für Banken und sonstige Finanzinstitute attraktivere Regulierung zu bieten. Dies könnte im Ergebnis sogar zu einer Stärkung des Finanzplatzes London führen. Zum anderen ist zu berücksichtigen, dass eine Störung der Handelsbeziehungen zu Großbritannien auch wirtschaftliche Einbußen in Deutschland nach sich ziehen würde, die auch Auswirkungen auf die Immobilienpreise in Deutschland haben könnten. Zudem bekommen mit dem möglichen Ausscheiden weiterer Mitgliedsstaaten apokalyptische Szenarien bis hin zum Zusammenbruch der Europäischen Union eine höhere Wahrscheinlichkeit.

Finanzbarometer

Zinsentwicklung

Die Zinsentwicklung war im Juni bislang weitgehend konstant mit erneut deutlich fallender Tendenz für alle Laufzeiten (Stand 24. Juni). Der Zehn-Jahres-Zinsswap sank gegenüber dem Stand am Monatsanfang um 11 Basispunkte von 0,52 auf 0,41 Prozent. Der Sechs-Monats-Euribor gab um etwa 2 Basispunkte von -0,153 auf -0,175 Prozent nach. Der Drei-Monats-Euribor sank leicht weiter von  0,26 auf  0,28 Prozent.

Stabile Marktlage

Ist der Brexit der Schwarze Schwan, der die Preisspirale auf den Immobilienmärkten jetzt umkehrt? Aus unserer Sicht ist dies wenig wahrscheinlich. Natürlich haben sich durch den Brexit grundsätzlich auch die Risiken erhöht, in Deutschland Mieterträge und Wertsteigerungsgewinne zu erzielen. Für die deutschen Immobilienmärkte gilt aber analog zu deutschen Staatsanleihen, dass diese als sicherer Hafen in den nächsten Jahren noch mehr gefragt sein werden als vor dem Referendum. Auch wenn deutsche Immobilien eigentlich absolut betrachtet riskanter geworden sind, werden diese relativ zu anderen Märkten nochmals attraktiver. Nach unserer Auffassung wird die zu erwartende Zunahme der Nachfrage nach Immobilien in den nächsten Jahren den deutlich stärkeren Einfluss auf die Preisentwicklung in Deutschland haben.