Januar 2020

Mit Isabel Schnabel wird eine moderate Kritikerin ins EZB-Direktorium gerufen

Die Professorin befürwortet grundsätzlich die aktuelle Geldpolitik, warnt aber auch vor deren Nebenwirkungen. Eine geldpolitische Wende ist weiterhin nicht zu erwarten.

Isabel Schnabel, Professorin für Finanzmarktökonomie an der Universität Bonn und seit Juni 2014 Mitglied der „Wirtschaftsweisen“, wurde wie vielfach erwartet am zum 1. Januar 2020 zum Mitglied des Direktoriums der europäischen Zentralbank (EZB) ernannt. Sie übernimmt dort die Verantwortung für den Bereich Finanzmarktoperationen (Market Operations), d.h. sie ist dafür verantwortlich, die Beschlüsse des Rats der EZB konkret umzusetzen. Was sich zunächst nach einer rein operativen Aufgabe anhört, stellt tatsächlich eine der einflussreichsten Positionen innerhalb der EZB dar. Die von Schnabel geleitete Abteilung ist nämlich nicht nur für die Umsetzung, sondern auch für die Beurteilung der Auswirkung der Maßnahmen verantwortlich. Zudem unterstehen ihr als Ergebnis eines veränderten Ressortzuschnitts neben der Statistik auch der einflussreiche Bereich der Forschung. Nicht Teil ihres Ressorts ist allerdings das Thema Finanzstabilität, welches die eigentliche Domäne Schnabels ist. In diesem Bereich ist sie eine ausgewiesene Expertin, die in besonderen Maße international anerkannt ist.

Isabel Schnabel war 2018 Keynote Speaker beim 3. Jahreskongress Finanzierung, der alljährlich gemeinsam von BF.direkt, RUECKERCONSULT und unter der fachlichen Leitung der IREBS veranstaltet wird. Der Titel ihres Vortrags lautete „Droht ein Ende des Booms? Finanz- und Immobilienmärkte zwischen Konjunkturboom, Zinswende und Bankenregulierung“. In ihrem Vortrag forderte Schnabel angesichts der damals boomenden Wirtschaft unter anderem eine „eine geldpolitische Wende“. Auch wenn der Ausstieg mit großen Unsicherheiten behaftet sei, sei dieser letztlich unvermeidlich. Schnabel wies damals ausdrücklich auf die Risiken für die Immobilienwirtschaft hin. Ihrer Auffassung nach könnten bereits kleine Zinserhöhungen deutliche Preissenkungen zur Folge haben.

Zinsentwicklung

Die langfristigen Zinsen sind im Dezember dem Vormonat wieder ein wenig gestiegen. Der Zehn-Jahres-Zinsswap lag zu Monatsbeginn bei 0,10 Prozent und bis zum Monatsende wieder auf 0,16 Prozent. Der Sechs-Monats-Euribor stieg ebenfalls leicht von -0,345 Prozent zu Monatsbeginn auf -0,325 zu Monatsende. Auch der Drei-Monats-Euribor schwankte im Monatsverlauf nur leicht zwischen -0,400 und -0,390 Prozent.

Ausblick

Obwohl Isabel Schnabel die Zentralbank in dem erwähnten Vortrag kritisierte, wird sie in Bezug auf die Geldpolitik verschiedentlich als „Taube“, d.h. als Befürworterin einer eher expansiven Geldpolitik bezeichnet. Derart pauschale Klassifizierungen sind – nicht nur im Falle Schnabels – in der Regel wenig hilfreich. So hat Schnabel zum einen immer wieder Zweifel an der Wirkungskraft einzelner Maßnahmen geäußert. Zum anderen hat sie aber ausdrücklich in verschiedenen Interviews und Statements die teilweise exzessive Kritik insbesondere aus Deutschland zurückgewiesen. Als Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (Rat der „Wirtschaftsweisen“) hat sie wiederum wiederholt auch auf die Risiken der Niedrigzinspolitik hingewiesen. Die 48jährige Wissenschaftlerin hat sich somit bisher kritisch, aber durchaus differenziert geäußert. Unabhängig von der tatsächlichen Position Schnabels sehen wir vor dem Hintergrund der Konjunkturentwicklung in der Eurozone derzeit für eine „geldpolitische Wende“ keinen Spielraum. Denkbar ist aus unserer Sicht allerdings eine Anpassung der Maßnahmen, beispielsweise der Anleihenankäufe.

 

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